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Musique classique dans la presse - 2008/05: Rheinischer Merkur (08/05/2008)

DIRIGENT

Das klingende Haifischbecken




Alle hören auf sein Kommando, er ist der Inbegriff musikalischer Macht. Doch heute werden vom Mann mit dem Taktstock Sound- und Wirtschaftswunder erwartet. Zu viel für einen einzelnen Künstler. Der Orchesterchef – ein Auslaufmodell?

VON AXEL BRÜGGEMANN

Auf der Pressekonferenz der Berliner Philharmoniker gibt es O-Saft, Selters und eine kleine Lüge zu schlucken. Chefdirigent Sir Simon Rattle, Intendantin Pamela Rosenberg und Orchestervorstand Peter Riegelbauer informieren die anwesenden Journalisten, dass die Orchestermusiker erst 2009 über die Zukunft ihres Chefdirigenten abstimmen werden. Tatsächlich liegen zu diesem Zeitpunkt die Wahlunterlagen bereits auf den Schreibtischen der Musiker. Das Orchester ist das einzige, das über die Zukunft seines Chefs selbst bestimmt, und am Tag der Pressekonferenz war noch nicht ganz klar, wie die geheime Abstimmung ausgehen würde. Rattles Zukunft wackelt, man musste das Ergebnis der Briefwahl abwarten.

Orchestervorstand Peter Riegelbauer erklärt den Journalisten derweil, dass man gerade mit Rattle „über künstlerische Aspekte“ spreche, und der Dirigent orakelt, dass sein Verbleib eine „Sache von Verhandlungen“ sei. Gut inszenierte Drohungen, mit denen die stimmberechtigten Philharmoniker unter Druck gesetzt wurden. Drei Tage später verkünden die Philharmoniker, dass sie für eine Vertragsverlängerung mit Rattle über das Jahr 2012 hinaus votiert hätten.


Der Haussegen hängt dennoch schon seit einiger Zeit schief. Einzelne Musiker kritisierten den undefinierbaren Kurs des Ensembles und hinterfragten die eher willkürliche Politik der CD-Einspielungen. Und dass Rattle eher auffällig mit den Philharmonikern aus Chicago flirtete, steigerte den Unmut. Seine Wiederwahl wirft Fragen auf. Die einst weltweit führenden Musiker rangieren in Kritiker-Umfragen inzwischen hinter den Wiener Philharmonikern und dem Amsterdamer Concertgebouw Orchestra. 13 Stellen sind derzeit unbesetzt – unter ihnen einige wichtige Solo-Positionen. Gleichzeitig verlässt nicht nur die Intendantin das Orchester, sondern auch Leistungsträger wie der Konzertmeister Toru Yasunaga und der Klarinettist Karl-Heinz Steffens Berlin. Einer will zurück nach Japan, der andere wird Generalmusikdirektor in Halle. Vor einigen Jahren wären diese Entscheidungen undenkbar gewesen – ein Philharmoniker blieb Philharmoniker auf Lebenszeit.


Als Rattle vor sechs Jahren antrat, versprach er nicht weniger als eine Revolution des Orchesterwesens: Offenheit statt Diktatur, ein gemeinsamer Weg statt ein festes Ziel, eine Arbeit am Klang statt die traditionelle Klangpflege. Auf die Frage, warum sie für Rattle gestimmt haben, obwohl die Anfangseuphorie verflogen ist, antworten manche Philharmoniker mit der Gegenfrage: „Für wen hätten wir denn sonst stimmen sollen?“ Ein berechtigter Einwand. Tatsächlich sind die Zeiten vorbei, in denen Dirigenten noch charismatische Maestri waren, so wie einst Furtwängler, Karajan und Celibidache, oder selbstbewusste Klangmagier wie später Claudio Abbado, James Levine oder Sir Georg Solti. Man könnte aber auch anders fragen: Sind große, philharmonische Orchester überhaupt noch zeitgemäß?


Schon seit einigen Jahren lässt sich beobachten, dass Dirigenten-Titanen bei diesen Mammut-Orchestern höchstens noch ein Stelldichein geben. Ihren Schwerpunkt haben sie in kleine, neu gegründete, junge Ensembles verlegt. Daniel Barenboim widmet sich dem West-Eastern-Divan Orchestra und hat es sich, nachdem die Berliner Philharmoniker nicht für ihn stimmten, zur Aufgabe gemacht, die Staatskapelle in Berlin zum besten Orchester der Hauptstadt zu entwickeln. Einer der eifrigsten Orchestergründer ist Claudio Abbado. Wer ihn diese Woche mit dem Mahler Chamber Orchestra in Baden-Baden beobachtet hat, konnte bei seinen „Fidelio“-Proben verstehen, was Dirigenten, die jedes Orchester geleitet haben, an diesem Orchester fasziniert: die bedingungslose Hingabe an die Musik, die Inspiration der Gemeinschaft für einen kollektiven, spontanen Klang. Beim Mahler Chamber Orchestra kennt die Arbeit keine Stechuhr.





In großen Orchestern hält dagegen die Beamtenmentalität Einzug. Als Kent Nagano vor einiger Zeit die Uraufführung eines Werkes von Wolfgang Rihm probte, schaffte er es gerade, das Stück einmal durchzuspielen, zwei Stellen zu üben. Doch als der große Zeiger der Uhr auf zwölf stand, erhob sich der Orchestersprecher und machte darauf aufmerksam, dass man jetzt nach Hause müsse. Nagano nickte, packte seinen Baton ein und ging ebenfalls. Wolfgang Rihm merkte lakonisch an: „Daran hat man sich als Komponist längst gewöhnt.“

Die Orchesterkultur hat sich verändert. Die Revolution begann in den Nischen schon in der Zeit Karajans. Nikolaus Harnoncourt war seit jeher ein Skeptiker, was die Giga-Ensembles und das Bild des tyrannischen Maestros betrifft. Mit dem auf historische Aufführungspraxis spezialisierten „Concentus Musicus“ hat er ein Orchester-Gegenmodell gegründet. Es ging Harnoncourt weniger darum, die Musik zu verwalten, als viel mehr darum, dass jeder Musiker eines Orchesters sich dem Klang in intellektueller Eigeninitiative nähert. Musizieren wurde zum Dialog unter den Spielern – der Dirigent wurde eine Art Moderator.


Die Alte Musik hat vorgemacht, was inzwischen auch im klassischen Repertoire angekommen ist. Orchester wie Gustavo Dudamels Simon Bolívar Youth Orchestra beweisen, dass Tschaikowsky kein Routinefall, sondern ein Abenteuer sein kann, die Kammerphilharmonie Bremen hat sich mit Paavo Järvi einen ureigenen Beethoven erarbeitet. Das Kammerorchester München ist unter Alexander Liebreich zu einem Abenteuerspielplatz geworden. Keines der Orchester spielt so perfekt wie die Wiener oder die Berliner – aber alle haben deutlich mehr Charisma.


Liebreich steht auch vor größeren Orchestern, etwa in Amsterdam. Und dort weht ein kalter Wind. Wenn die Musiker mit den Ideen der jungen Dirigenten nicht einverstanden sind, kramen sie alte Partituren mit Handschriften großer Maestri heraus und sagen: „Das haben wir noch nie so gemacht. Und das werden wir auch jetzt nicht tun.“ Man braucht viel Mut und Selbstbewusstsein, um in diesem Moment das Pult zu verlassen und das Orchester stehen zu lassen – Liebreich hat es gewagt.


Letztlich stammt auch Simon Rattle aus dieser neuen Dirigenten-Generation. Seinen Erfolg hat er dem Aufbau eines Orchesters und eines neuen Hauses in Birmingham zu verdanken – dort herrschte unter Rattle eine Aufbruchstimmung. Orchester, Stadt und Publikum waren bereit für andere, unkonventionelle Wege. Das war in Berlin anders: Man empfing Rattle zwar als Erlöser und Neudenker, aber der Druck des deutschen Hauptstadtorchesters, seiner Traditionslinie von Furtwängler über Karajan bis zu Abbado zu folgen, wird ständig unter die Lupe genommen.


Das schafft eine Arbeitsatmosphäre, in der Rattle seine eigentlichen Qualitäten gar nicht entfalten kann. Es ist fragwürdig, ob die Berliner tatsächlich einen demokratischen Dirigenten wünschen, der sie in die Pflicht der Interpretation nimmt, oder sich nicht doch nach einer starken Hand sehnen. Die Berliner sagen gern von sich, dass sie Perfektionisten sind, dass sie einem Dirigenten genau den Klang geben können, den er einfordert. Und das stimmt auch. Die großen Philharmonischen Orchester sind gigantische Klangmaschinen, mit denen man einen Sound nicht erarbeiten muss, weil man ihn einfach abrufen kann. Sie suchen weniger einen Dirigenten neuen Typus, sondern jemanden, der ihre Maschine virtuos bedienen kann.


Wie schwierig die Wahl eines neuen Dirigenten geworden ist, haben kürzlich auch die Wiener Philharmoniker erfahren. Sie waren lange Zeit ohne Chefdirigenten glücklich und haben bewiesen, dass sie ihren eigentümlichen Klang nicht verlieren, sondern ihn nach den Vorstellungen des Orchesters formen, indem sie mit unterschiedlichen Dirigenten von Nikolaus Harnoncourt bis zu Christian Thielemann zusammenarbeiten. Und daran wollen sie auch nichts mehr ändern. Dass Franz Welser-Möst zum Musikdirektor der Wiener Staatsoper ernannt wurde, ist für viele Musiker weniger ein Herzenswunsch gewesen als vielmehr ein Kompromiss: Nur mit ihm konnte man Dominique Mayer als Intendanten locken. Während die Staatsoper so einen gewissenhaften Musikchef bekommt, bleiben die Philharmoniker in ihren künstlerischen Entscheidungen weitgehend frei.


Tatsächlich fallen bei jeder Nachfolgediskussion in großen Orchestern immer wieder die gleichen Namen – und das sind nur sehr wenige. Die Berliner Philharmoniker hätten die Möglichkeit, auf einen Haudegen zu setzen, der letztlich aber nur eine Interims-Lösung gewesen wäre: Daniel Barenboim. Auch Christian Thielemann ist im Gespräch, aber der würde wohl kaum auf ausgedehnte Konzertreisen mit dem Ensemble gehen und als Chef eher aus dem Hintergrund agieren, solange er die Werke dirigieren kann, die er gern möchte. Weitere Kandidaten wären Mariss Jansons, der aber keinen Grund hat, zu kommen, weil er in München und beim Concertgebouw Orchestra etwas gefunden hat, was er bei den Berliner Philharmonikern vermissen würde: Aufbruchsstimmung. Und Kandidaten wie Riccardo Chailly haben sich mit Leipzig für einen ähnlichen Weg wie Barenboim entschieden. Diese Männer wollen gestalten statt zu verwalten.


Jüngeren Dirigenten traut man die Arbeit in Traditionsorchestern noch nicht zu. Zu Recht, denn Franz Welser-Möst fehlt die Inspiration, die alte Maestri ausgemacht hat, und auch Ingo Metzmacher muss sich zunächst mit dem RSO in Berlin begnügen. In München hört man erste Zweifel am neuen Chefdirigenten Kent Nagano. Welser-Möst, Metzmacher und Nagano sind keine Klangmagier, sondern gewissenhafte Taktschläger, die sich ihr Image besonders mit Neuer Musik aufgebaut haben und meist enttäuschen, wenn sie sich an das große, romantische Repertoire wagen. In ihrem Alter waren Barenboim, Abbado, Solti und Karajan längst eigene Marken.


Bleiben die ganz jungen Dirigenten. Bei ihnen ist das Problem, dass sie heute bereits sehr früh in das Anna-Netrebko-Schema des Klassikmarktes integriert werden. Sicherlich ist Gustavo Dudamel ein engagierter und souveräner Dirigent; dass seine Plattenfirma ihn aber stereotyp als venezolanischen Beau und jungen Wilden aufbaut, spricht nicht von langfristiger Karriereplanung, sondern eher von einer Modeerscheinung.


Die ist auch Daniel Harding, der gerade sein CD-Debüt mit Mahlers Zehnter Sinfonie gibt. Eine anständige Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern – aber alles andere als ein Glaubensbekenntnis. Harding hat in Orchestern in Norwegen und Schweden begonnen, die Kammerphilharmonie Bremen geformt und danach das Mahler Chamber Orchestra geleitet. Er kommt eigentlich ohne tägliche Opernroutine zu Orchestern wie den Wiener Philharmonikern. Und die lassen manche der sogenannten Shootingstars schon mal abblitzen. Als Philippe Jordan Mozarts „Così fan Tutte“ von Nikolaus Harnoncourt bei den Salzburger Festspielen übernahm, stand der junge Dirigent zwar am Pult, aber das Orchester musizierte auf Autopilot, der Kapellmeister gab den Takt an, und Jordan dirigierte hinterher.





Eher selten sind Karrieren wie von Antonio Pappano, dem Chef der Royal Opera, des scheidenden Leiters der Frankfurter Oper, Paolo Carignani, oder seines Nachfolgers Sebastian Weigle, der sich an der Staatsoper in Berlin als Kapellmeister behauptet hat. Sie glauben ebenso an die Ochsentour und an die Entwicklung einer eigenen Musiksprache durch langfristige Bindungen an bestehende Häuser wie der noch sehr junge Musikdirektor Cornelius Meister aus Heidelberg. Aber bis Orchester wie die Berliner Philharmoniker über ihn als Chefdirigenten nachdenken, wird wohl noch einige Zeit vergehen.


Derzeit scheint das Musikverständnis des Dirigenten-Nachwuchses nicht mehr kompatibel zu sein mit dem Musizierstil der großen Orchester. Und so werden wir es in Zukunft wohl öfters mit dem Modell Wien zu tun bekommen. Perfekte und traditionsbewusste Orchester werden sich in Zukunft wohl bewusst gegen einen Chefdirigenten entscheiden. Sie könnten feststellen, dass sie die Verantwortung für den eigenen Klang nicht mehr aus der Hand geben müssen und ihren Ensemblegeist wieder als eigene Marke entdecken. Das wiederum würde zur neuen Dirigenten-Generation passen, der es gar nicht mehr darum zu gehen scheint, ein Orchester wie die Berliner Philharmoniker kontinuierlich zu leiten, sondern gemeinsam mit ihm, so wie Abbado oder Harnoncourt, an einzelnen Projekten zu arbeiten.


Internet:
berliner-philharmoniker.de
www.wienerphilharmoniker.at


Date de création : 09/05/2008 @ 11:34
Dernière modification : 09/05/2008 @ 11:34
Catégorie : Musique classique dans la presse
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