Brahms - mit italienischer Leichtigkeit 20. Mai 11:48
Claudio Abbado ist zurück in Berlin und reißt seine Fans mit Bach, Brahms und Weill von den Sitzen. Corina Kolbe hat sich von der Begeisterung anstecken lassen. Immer wenn Claudio Abbado nach Berlin kommt, scheint die Stadt ein großes Stück gen Süden zu rücken. An der Abendkasse der Philharmonie stehen aufgeregt auf Italienisch schnatternde Grüppchen, die sich noch Karten für das längst ausverkaufte Konzert erhoffen. Im Foyer wird ebenso laut und lebhaft diskutiert wie in einem Konzerthaus in Mailand, Bologna oder Rom. Doch nicht nur mitreisende Fans, die «abbadiani itineranti», auch die Berliner lieben den Maestro: Jede Rückkehr seit seinem Abschied als langjähriger Chefdirigent der Philharmoniker im Jahr 2002 wird begeistert gefeiert.
Für das diesjährige Gastspiel mit seinem früheren Orchester hat der Mailänder die 3. Symphonie F-Dur des Romantikers Johannes Brahms aufs Programm gesetzt – ein Werk, das er auch kurz vor seiner Wahl zum Chef im Herbst 1989 bei den Berliner Festwochen aufgeführt hatte. Das Faszinierende an Abbado wird bereits bei den ersten Takten deutlich: Gemeinsam mit den vorzüglichen Philharmonikern lässt er fließende Musik voller Transparenz und Klarheit entstehen, ohne jegliche deutsche Erdenschwere. Großes Lob verdienen hier die Bläser, etwa beim Zusammenspiel von Klarinette und Fagott im Andante sowie von Flöte, Oboe und Horn im Poco Allegretto. Diese kammermusikalische Intimität kontrastiert mit den monumentalen Tutti-Passagen in Brahms’ Symphonie und ist zugleich Bindeglied zu den anderen aufgeführten Werken.
Geigenvirtuose Blacher spielt Bach und Weill
Kurzfristig ins Programm genommen hat Abbado noch Johann Sebastian Bachs Konzert d-moll für Violine, Streicher und Basso continuo, ursprünglich nur für Cembalo geschrieben. Ein Paradestück für den virtuos musizierenden Geiger Kolja Blacher, der im Anschluss mühelos mehrere Jahrhunderte überspringt.
In ebenfalls kleiner Besetzung wird Kurt Weills Konzert für Violine und Blasorchester aufgeführt – ein an Dissonanzen reiches Stück, mit dem der «Dreigroschenoper»-Komponist stellenweise an Igor Strawinsky erinnert. Dominant ist auch hier die Solovioline, die in markanten Gegensatz zu den Bläsern tritt. Abbado und sein Solist sind ein perfekt aufeinander eingespieltes Team - der Sohn des russischen Komponisten Boris Blacher musiziert auch im Lucerne Festival Orchestra, in dem der Dirigent jeden Sommer herausragende Künstler zusammenbringt.
Vom Berliner Publikum erhalten Abbado und die Musiker enthusiastischen Beifall und stehende Ovationen, nachdem das Pianissimo im Schlusssatz des Brahms-Konzerts verklungen ist. Die berühmte «Stille nach dem Schluss» – die von dem Maestro zelebrierte Meditation nach dem Verklingen des letzten Tones - wird diesmal vielleicht etwas rascher durchbrochen als sonst. Dass Abbado mit seiner absoluten Hingabe an die Musik wieder alle Herzen erobert hat, steht außer Zweifel.
Erstellungsdatum : 21/05/2007 @ 22:09
Letzte Änderung am : 21/05/2007 @ 22:09
Kategorie : Abbado in der Presse
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