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Hüpfender Foxtrott und Trommeln der Heilsarmee
Claudio Abbado dirigierte die Berliner Philharmoniker
Peter Uehling
Herbert von Karajan, so heißt es, sei nur mit einer einzigen von ihm geleiteten Aufführung der Dritten von Brahms zufrieden gewesen. Im Kopfsatz wartet die Partitur mit heiklen rhythmischen und polyphonen Verstrickungen auf, im Finale mit einem schwer zu gestaltenden Übergang aus dem dramatischen Hauptsatz in die ruhig flimmernde Coda: Nimmt man ihn zu fließend, fehlt es dem Posaunen-gestützten Choral an Feierlichkeit, nimmt man das "un poco sostenuto" ("ein wenig getragen") zu wörtlich, bricht der Zusammenhang mit dem Vorangegangenen.
Nun sind die Probleme Karajans nicht die Claudio Abbados, der das Werk am Freitag mit den Berliner Philharmonikern aufführte. Die Interpretation hatte großen Zug und dennoch Weite genug, dem Detail Raum zur Profilierung zu lassen. In dieser Hinsicht gelang der Übergang schön. Dennoch war dieser Brahms eigentümlich Karajan-belastet durch die riesige, auf acht Kontrabässen basierte Streicherbesetzung. Um sich gegen diese Masse durchzusetzen, mussten die Holzbläser hier und da forcieren, und dadurch entstanden Klänge, die nicht unbedingt zum Ausdruck passen wollten. Umgekehrt gerät viel filigranes Figurenwerk der Streicher durch die Menge der aufgebotenen Musiker unscharf.
So recht deutlich also wurden Abbados Absichten mit Brahms nicht. Das schöne Detail, die unaufdringliche Beleuchtung waren schwer mit der großen Besetzung und den mit ihr verbundenen Differenzierungsverlusten auf einen Nenner zu bringen. Wenn nach Stefan Dohrs zart-verhangenem Hornsolo im traurigen Walzer des dritten Satzes alsbald die geteilten Violinen einsetzen, zerstört deren zu üppiger, zu direkter Ton die ganze Stimmung. Als Abbado das Stück im September 1989 mit diesem Orchester aufgenommen hatte, war Karajan gerade gestorben und Abbado noch nicht als sein Nachfolger gewählt. Sie klingt in ihrer größeren klanglichen Individualität stärker nach Abbado als die Interpretation dieses Konzerts.
Neben seiner Arbeit am Repertoire interessiert sich der fast 74-jährige Dirigent noch immer für Stücke aus dem Abseits. Kurt Weills Violinkonzert von 1924 ist aufgrund seiner Begleitung mit Bläsern, Schlagzeug und Kontrabässen nicht so bekannt geworden, wie es das mit seiner eigenwilligen Ausdruckskraft verdient hätte. Die Mittelsatz nimmt Fragmente der modernen Tanzmusik auf und montiert sie in geradezu surrealer Weise. Weill ist durchaus nicht auf übersichtliche Schlager aus - wie in der zweiten Sinfonie von 1933, die die Philharmoniker vor zwei Wochen spielten -, sondern singt sich mit oft geradezu abstrus langen Linien in eine Stimmung urbaner Tristesse. Wenn die Stadt als Landschaft überhaupt irgendwo zu sinfonischem Klang gefunden hat, dann in den traurig hüpfenden Foxtrotts der tiefen Flöten, den Hinterhof-Melodien der Trompete, dem Heilsarmee-Auftritt der Trommeln, dem Verkehrslärm der Kontrabässe dieses Stücks.
Es ist nun einerseits charakteristisch für Abbado, das derart Konkrete zurückzunehmen, um es in den polyphonen Verbund zu integrieren, es dort aber andererseits in seiner expressiven Eigenart ausformen zu lassen von den großartigen Bläsern des Orchesters. Der schöne Klang der einzelnen Stimme und die provokative Wirkung des Bläserensembles schließen sich nicht aus. Vielleicht hat Abbados Drang zum großformalen Zusammenhalt hier und da die Tempi überrissen und damit den Solisten und ehemaligen philharmonischen Konzertmeister Kolja Blacher dazu gezwungen, als Figuration wiedergeben, was auch als Melodie hätte gemeint sein können. Dennoch überzeugte Blachers präzise, vielfältig schattierte Artikulation in jedem Moment darin, Virtuosität und Ausdruck auf stilgerecht unterkühlte Art zu vermitteln.
Kamen Sinfonie und Konzert den Künstlern zu kurz vor? Wollten die Streicher auch noch einmal separat von ihrem ehemaligen Chef dirigiert werden, wenn ihn die Bläser bei Weill für sich allein hatten? Spontan wurde noch Bachs streicherbegleitetes Cembalokonzert d-Moll BWV 1052 in der Bearbeitung für Violine als Eröffnungsstück ins Programm genommen. Orchester, Solist und Dirigent haben sich und den Hörern mit einer technisch und musikalisch nur flüchtig justierten Aufführung nicht unbedingt einen Gefallen getan. Berliner Zeitung, 21.05.2007
Erstellungsdatum : 21/05/2007 @ 22:11
Letzte Änderung am : 21/05/2007 @ 22:11
Kategorie : Abbado in der Presse
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